bz Basel | 17. Februar 2020

«Wir dürfen nicht an unseren Wurzeln sägen»: Im Gespräch mit dem Direktor des Swiss TPH

Jürg Utzinger leitet seit 2015 das Swiss Tropical and Public Health Institute. Mit dem geplanten Neubau in Allschwil steuert er die Institution von Weltruf in die Zukunft – will dabei aber den Wurzeln des Tropeninstitutes treu bleiben.

Es hat sich viel getan, seit der unermüdliche Marcel Tanner die Direktion des Institutes an Professor Jürg Utzinger übergab: Der Kanton Baselland ist in die Trägerschaft des Swiss Tropical and Public Health Institute (TPH) eingestiegen und fast symbolisch für diese bikantonale Partnerschaft zieht das Institut ins Allschwiler Bachgrabenquartier ein. Wir unterhalten uns mit dem enthusiastischen Direktor über diesen Umzug, den kompetitiven Markt um Forschungsgelder und die Zusammenarbeit mit dem Baselbiet.

von Bojan Stula und Jocelyn Daloz – bz

In seinem Büro an der Socinstrasse in Basel häufen sich Erinnerungen an zahlreichen Reisen in den Tropen: Professor Utzinger spricht mit sichtlicher Leidenschaft von der Entwicklungen des Swiss TPH. © Juri Junkov

Herr Utzinger, ist der Umzug des Swiss Tropical and Public Health Institute (TPH) von einem ehrwürdigen Altbau in ein hochmodernes Gebäude als Paradigmenwechsel zu interpretieren?

Jürg Utzinger: Nein, unser Umzug soll nicht als Neuanfang verstanden werden. Die Wurzeln unseres Instituts sind zentral und bilden das Fundament für die Zukunft. Die 75-jährige Geschichte des Swiss TPH wird weitergeführt und unsere Mission bleibt bestehen. Durch die Kombination von Forschung, Lehre und Dienstleistungen tragen wir zur Verbesserung der Gesundheit von Menschen in der Region, in der Schweiz und auf der ganzen Welt bei. Selbstverständlich werden wir aber auch neue Schwerpunkte setzen. Wir sind eine lernende Institution und entwickeln uns ständig weiter.

Haben Sie Angst, mit dem Umzug nach Allschwil an Visibilität zu verlieren?

Nein, unter anderem auch deswegen nicht, weil das Herzstück an unserem alten Standort erhalten bleibt. Unsere Liegenschaften an der Socinstrasse verkaufen wir an Immobilien Basel-Stadt. Die Villa Föhre werden wir zurückmieten und als Standort für unser Reisemedizinisches Zentrum beibehalten. Momentan sind wir im Raum Basel auf acht Standorte verteilt. Unser Neubau im BaseLink-Areal im Bachgrabenquartier in Allschwil wird uns ermöglichen, alle Mitarbeitende unter ein Dach zu bringen. Dies wird den direkten Austausch fördern und neue Möglichkeiten für interdisziplinäres Arbeiten schaffen. Ich sehe dies als eine grosse Chance, um Synergien noch besser zu nutzen und die Innovation voranzutreiben.

Es ist spannend, dass in Zeiten von globaler Vernetzung, Digitalisierung und sozialen Netzwerken eine räumliche Zentralisierung offenbar unumgänglich bleibt.

Das darf man tatsächlich nicht unterschätzen. Studien haben gezeigt, dass nur wenige Meter darüber entscheiden, ob Menschen zusammen arbeiten oder eben nicht. Unsere acht Standorte hier sind alle nah beieinander. Und trotzdem ist der zufällige und informelle Austausch über Gruppen, Einheiten und Departemente hinweg nicht automatisch gegeben. Klar, Digitalisierung ist unumgänglich, aber am Schluss wollen wir mit Menschen zu tun haben, den Leuten in die Augen schauen und gemeinsam Ideen entwickeln und diese umsetzen.

Sie sprachen vorhin von neuen Schwerpunkten und Neuerungen. Können Sie das ausführen?

Im Rahmen unserer neuen Strategie 2021 bis 2024, die wir im vergangenen Juni dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und Ende Januar unseren beiden Trägerkantonen Baselland und Basel-Stadt vorgelegt haben, sind die neuen Schwerpunkte definiert. Erstens wollen wir Top-Forschung anbieten. Dies geht einher mit unserem Status als assoziierte Institution der Universität Basel und ist in einer Leistungsvereinbarung geregelt. Unser zweites Ziel ist es, Entwicklungen aus der Forschung zu validieren und mit konkreten Massnahmen umzusetzen. Mit dieser Umsetzung leisten wir einen Beitrag zur Gesundheitsverbesserung der Menschen – vor allem auch in den ärmsten Bevölkerungsgruppen dieser Welt. Drittens lernen wir mit unseren Partnern und tauschen Fachwissen für eine nachhaltige Entwicklung aus. Erfahrungen aus dem globalen Süden können auch in der Schweiz helfen, unser überteuertes Gesundheitssystem zu optimieren.

Haben Sie da ein konkretes Beispiel?

In Südafrika hat ein Start-up einen Schnelltest für den Nachweis der Bilharziose entwickelt. Dieser Schnelltest beruht auf Forschungsresultaten aus den 1980er-Jahren von einer Gruppe aus Leiden in Holland. Bilharziose wird in stehenden oder langsam fliessenden Süssgewässern, vor allem in Afrika südlich der Sahara, übertragen. Der klassische Nachweis der Bilharziose beruht auf Urin- oder Stuhlproben mittels Mikroskopie oder einer aufwendigen und kostspieligen Biopsie. Der neue Schnelltest kostet lediglich ein paar Franken und Resultate liegen innerhalb von 20 Minuten vor. Dieser Schnelltest kommt nun auch in der Schweiz zur Anwendung: Wir haben in einer Studie mit über 100 Eritreerinnen und Eritreern aufzeigen können, das rund 40 Prozent der Studienteilnehmer eine Bilharziose hatten. Wenn wir diese Infektionen mit dem kostengünstigen Schnelltest effizient nachweisen und die Infektion früh behandeln, können langwierige Erkrankungen vermieden und Kosten eingespart werden.

Dieser Test wird aber noch nicht routinemässig bei Asylsuchenden angewendet, oder?

Nein, weil das politisch heikel ist. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) will kein systematisches Screening bei der Einreise, sondern will Asylsuchende eher im Gesundheitssystem einbinden. Unsere Daten zeigen auf, dass je nach Ursprungsland ein Screening auf Bilharziose mittels Schnelltest anzudenken ist. Dies bedarf weiterer Abklärungen und detaillierter Absprache mit dem BAG.

Gibt es auch tiefer greifende Bereiche, wo der Norden vom globalen Süden lernen kann?

Stellen Sie sich vor, dass das Gesundheitsministerium in Tansania jährlich nur ein paar Dollar pro Person zur Verfügung hat. Hier in der Schweiz rechnen wir mit individuellen Gesundheitskosten in der Grössenordnung von 8000 bis 9000 Franken. Unsere Gesundheitsversorgung ist daher auf einem sehr hohen Niveau. Aber auch mit ein paar Dollar kann in Tansania etwas bewirkt werden. Die Frage, die das Ministerium sich stellt, ist: Wie lässt es sich am besten priorisieren? Es wird bei tödlichen Krankheiten, wie zum Beispiel der Malaria, angesetzt. Eine Chemotherapie bei einer 90-jährigen Person, deren Leben dadurch bloss um ein paar Monate verlängert wird, macht aus einer Public Health-Perspektive viel weniger Sinn. Dies zeigt auf, dass wir auch in reichen Ländern lernen müssen, limitierte Ressourcen besser zu priorisieren, um das Maximum für die Gesundheit und das Wohlergehen der Bevölkerung herauszuholen.

Wenn wir schon beim Thema Finanzen sind: Sie leiten ein Institut, das einen sehr guten Ruf geniesst. Haben Sie genug Geld?

Wir sind daran, die Zahlen für den Jahresabschluss 2019 zusammenzutragen. Unser Umsatz wird bei rund 90 Millionen Franken liegen. Lediglich etwas mehr als 20 Prozent unserer Einnahmen stammen aus Kernmitteln vom Bund, unseren beiden Trägerkantonen sowie der Universität Basel. Die restlichen knapp 80 Prozent erwerben wir kompetitiv. Dieser Anteil ist sehr hoch im Vergleich zu anderen Forschungsinstitutionen und zeigt auf, dass unsere Mitarbeitenden unter einem hohen Druck stehen. Nur dank Top-Forschung, exzellenter Lehre und ausgezeichneter Dienstleistungen gelingt es uns, diese Drittmittelquote so hoch zu halten. Daher freut es mich, zu hören, dass wir einen guten Ruf geniessen.

Vom «Tropeli» zur Einrichtung, die sich mit den Grössten misst

Das Schweizerische Tropeninstitut wurde 1943 von Rudolf Geigy gegründet. Unter Jürg Utzingers Vorgänger Marcel Tanner hat sich das Swiss TPH in 18 Jahren stark gewandelt: Von einem bescheidenen Institut für Forschung und Reisemedizin – von den Baslern liebevoll «Tropeli» genannt –, dessen Forschungsansätze sich vor allem auf Tansania und die Malaria-Bekämpfung beschränkten, zu einem global angesehenen Forschungsakteur im internationalen Kampf gegen Epidemien. (jod)

Das können wir nach unserer Einschätzung so bestätigen.

Das hat sich gewissermassen auch mit der gemeinsamen Trägerschaft von Basel-Stadt und Baselland gezeigt: Es gab keine einzige Gegenstimme im Grossen Rat und im Landrat, als die Kantonsparlamente darüber abstimmten. Ich bin überzeugt, dass die Parlamentarier in uns eine lokal verwurzelte Institution mit internationaler Ausstrahlung erkannt haben. Auch deshalb dürfen wir nicht an unseren Wurzeln sägen. Mittelfristig ist es wichtig, unsere Kernmittel zu erhöhen, sodass wir unsere strategischen Ziele umsetzen und maximale Wirkung erzielen. Übrigens: die Wertschöpfung des Swiss TPH in der Region ist gewaltig. Das zeigt sich auch bei unserem Neubau; rund 80 Prozent der Aufträge wurden in der Region vergeben.

Welche sind ihre grössten Konkurrenten auf dem Markt der Forschungsgelder?

In der Schweiz sind wir in Konkurrenz mit Nichtregierungsorganisationen oder anderen anwendungsorientierten Forschungsinstitutionen, wenn es um Finanzierungen durch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) geht. Oft arbeiten wir aber auch ganz eng zusammen mit diesen Mitbietern in grösseren Konsortien. Unser Ziel ist es, die Gesundheit der Menschen zu verbessern und zusammen lässt sich dies oft am besten machen. Wir haben auch Konkurrenten aus dem Privatsektor, wie zum Beispiel PwC, also PricewaterhouseCoopers, wenn es um Gelder des Global Funds geht, der in Genf basiert ist und sich für grosse Kontrollprogramme gegen Krankheiten wie HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose einsetzt. Eine globale Konkurrenz erleben wir, wenn wir um Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation ringen. Da treffen wir auf Forschungsinstitute wie die London School of Hygiene and Tropical Medicine, die Harvard T.H. Chan School of Public Health oder die Johns Hopkins University.

Wie viel Geld erhalten Sie von der Bill & Melinda Gates Foundation?

Seit 15 Jahren arbeiten wir an einem grossen Projekt zur mathematischen Modellierung der Malaria, bei dem wir die bestmöglichen und kosteneffizientesten Strategien für die Kontrolle und Elimination der Malaria evaluieren. Für dieses Projekt alleine erhalten wir jährlich über eine halbe Million Dollar. Gemäss den Finanzzahlen für das Jahr 2018 hatten wir rund 2.5 Millionen Dollar von der Bill & Melinda Gates Stiftung erhalten, also etwa drei Prozent unseres Umsatzes.

Können Sie ruhig schlafen angesichts dessen, dass es finanziell Jahr für Jahr komplett anders aussehen könnte?

Ja, das kann ich. Wir haben zurzeit keine Liquiditätsprobleme. Ausserdem verteilt sich der Druck auf mehrere Schultern. In den letzten fünf Jahren haben wir harmonisch einen Generationenwechsel bei der Institutionsleitung vorangetrieben. Ich habe grosses Vertrauen, dass unser Team das Swiss TPH auch in Zukunft nachhaltig vorantreiben wird. Und klar, in einer Institution wie dem Swiss TPH braucht es Zugpferde, die grosse Forschungsprojekte und Gesundheitsprogramme reinbringen. Wir sind gut aufgestellt. Auch müssen wir bei der Suche nach neuen Talenten umsichtig navigieren. Es gelingt uns immer wieder, die besten Leute zu rekrutieren – unser guter Ruf und die sinnstiftende Arbeit helfen uns dabei. Vor drei Jahren konnten wir zum Beispiel Günther Fink als Eckenstein-Geigy Stiftungsprofessor rekrutieren. Zuvor hatte Professor Fink zwölf Jahre lang an der Harvard Universität in Amerika geforscht und gelehrt. Ende letzten Jahres gelang es Professor Fink und seinem Team, ein fünfjähriges «Multi-Investigator Project» vom Botnar Research Center for Child Health zu akquirieren.

Trotzdem gibt es einen «Transfermarkt» für Talente. Aber Sie schlagen sich offenbar gut durch.

Genau. Nicht zuletzt ist die Attraktivität des Swiss TPH auch dem Standort zu verdanken. Basel ist ein Mikrokosmos, der im Bereich Life Sciences unendlich viel zu bieten hat. Die Dichte der Forschung in der Medizin und den Lebenswissenschaften, die älteste Universität der Schweiz, die vielen Stiftungen und die Pharma-Industrie tragen alle dazu bei. Es ist ein spannender Ort für eine Karriere in der Forschung und vermehrt auch in der Innovation und im Bereich Entrepreneurship. Und die Lebensqualität ist sehr hoch: Ich möchte nicht in London leben, wo ich jeden Tag eine oder zwei Stunden pendeln müsste. Ich komme tagtäglich mit dem Velo zur Arbeit. Basel ist familiär und hat trotzdem Grossstadtcharakter – auch vom Kulturangebot her.

Was hat sich verändert, seit der Landkanton zur Trägerschaft hinzugekommen ist?

Wir führen ein bisschen mehr Reporting als bisher. Die Zusammensetzung des Kuratoriums, also des Aufsichtsorgans, hat sich verändert. Insgesamt aber war es ein sehr schlanker Wechsel, der von meinen Vorgängern umsichtig aufgegleist wurde. Ich glaube, es hilft den beiden Kantonen: Sie tauschen sich dadurch mehr aus. Ich würde wagen, zu behaupten, dass wir dadurch für die beiden Kantone zusätzlichen Mehrwert schaffen. Der Staatsvertrag ist ein Meisterwerk, der für die beiden Trägerkantone und für uns stimmt. Beim Spatenstich zum Neubau am 21. Juni 2019 hatten wir die Gemeindepräsidentin von Allschwil, Regierungsräte von beiden Kantonen und die Rektorin der Universität Basel zu Gast.

Spüren Sie eine zusätzliche Anspruchshaltung des Kantons Baselland? Er hat sich zum Teil als nicht ganz unproblematischer Mitträger von solchen Institutionen erwiesen, wie das Beispiel der Universität Basel aufgezeigt hat.

Da muss ich Sie enttäuschen – ich habe nichts an der Zusammenarbeit mit Baselland zu beanstanden. Durch die interparlamentarische Geschäftsprüfungskommission erhalten wir jedes Jahr eine schöne Plattform, um uns auszutauschen. Klar ist das mit etwas Mehraufwand verbunden, aber ich sehe es als Chance, unser Kerngeschäft einer breiteren Trägerschaft näher zu bringen.

Zum Schluss noch eine ganz andere Frage: Ist das Institut betroffen von den Bauverzögerungen am Biozentrum?

Nein. Im Gegenteil profitieren wir davon, weil wir Kollegen und Kolleginnen vom Biozentrum in unserem Bio-Safety-3-Labor eingemietet haben für spezielle Arbeiten mit infektiösen Krankheitserregern. Auch diese Zusammenarbeit mit dem Biozentrum läuft gut.